Archiv | April 2012

Plädoyer für das Bauchgefühl

(Das Fröschlein ist 1 Jahr & 2 Monate alt)

Wenn man ein Kind bekommt, finden sich in der näheren und weiteren Umgebung auf einmal unendlich viele Spezialisten in Sachen Kindererziehung, Ernährung und für allgemeine Lebensfragen. Und keiner von ihnen hat Hemmungen, Ratschläge großzügig zu verteilen. Daneben gibt es natürlich auch noch die Menschen, die man vielleicht sogar selbst explizit um Rat fragt, Kinderärzte, Hebammen und Stillberaterinnen zum Beispiel. Und am Ende hat man eine Fülle von Handlungsanweisungen Empfehlungen, die sich teilweise auch noch gegenseitig widersprechen. Und was macht man dann damit?

Für mich selbst überraschend kann ich gut gemeinte, aber unpassende Ratschläge aus der Verwandtschaft (oder auch von wildfremden Menschen auf der Straße) gut an mir abprallen lassen. „Jaja“ sagen und dann machen, was ich für richtig halte. Ein bisschen schwieriger ist das Thema Kinderarzt. Medizinisch bin ich von seinen Fähigkeiten überzeugt, wenn er sagt, dass Fröschlein braucht Pille XYZ und mir auch erklärt, warum das so ist, dann vertraue ich auf sein Urteil, auch wenn ich mich gelegentlich natürlich auch noch weiter informiere. Wobei er sowieso meistens sagt, dass das Fröschlein kein Medikament braucht. Etwas anders sieht es in allgemeinen Erziehungsfragen aus. Denn da bin ich mit ihm selten einer Meinung. Es mag sein, dass sich seine Erfahrungen bei vielen Kindern bestätigt haben, aber mein Kind und unseren Lebensstil kenne ich am besten, deshalb habe ich inzwischen entschieden, in wichtigen Fragen mein Bauchgefühl nicht zu ignorieren. Und wir fahren gut damit. Besonders in den beiden Punkten, die unter Eltern und Ratgebern sicherlich  am meisten diskutiert werden: Schlafen und Essen.

Das Fröschlein hatte in seinen ersten Monaten große Probleme mit der Nahrungsaufnahme. Wenn er wach war, konnte er immer nur sehr kurz trinken, dann hat er sich verkrampft und Schmerzen bekommen. Gut funktioniert hat es nur im Halbschlaf, da konnte er sich dann richtig satt trinken. Daraus hat sich ergeben, dass er sich daran gewöhnte, den Großteil der benötigten Nahrungsmenge nachts zu sich zu nehmen. Auch, als die Probleme langsam nachließen fiel es ihm schwer, tagsüber ausreichende Mengen zu trinken (bzw. später dann zu essen). Nächtliches Stillen alle ein bis zwei Stunden war hier Normalzustand, längere Schlafphasen die große Ausnahme.

Als das Fröschlein 6 Monate alt war, meinte der Kinderarzt, er sei nun alt genug um durchschlafen zu lernen. Er empfahl uns das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ und riet uns außerdem, ihn nachts nicht mehr zu füttern. Und ganz wichtig: auf keinen Fall Einschlafstillen, denn das Kind muss unbedingt alleine in seinem Bett einschlafen, damit es dann auch nachts, wenn es mal aufwacht, sich alleine beruhigen kann. Und wenn er das jetzt nicht lerne, dann würde das nie was werden. Es klang logisch und nachvollziehbar, machte mir aber Bauchschmerzen. Denn das Fröschlein hatte nachts nun mal nicht nur ein Kuschelbedürfnis, sondern wirklich quälenden Hunger. Und auch das Kuschelbedürfnis fand ich in seinem Alter nicht verwerflich. Mit dem Gatten kam ich schnell überein, dass wir das Fröschlein keinesfalls weinend alleine lassen würden. Recht halbherzig versuchten wir, ihn alleine in seinem Bett in unserem Beisein zum Einschlafen zu bringen. Die erste gelernte Lektion: halbherzige Versuche sind für die Katz‘, das Kind merkt sehr genau, wenn man nicht voll hinter einer Maßnahme steht. Also war recht schnell wieder alles beim Alten: Einschlafstillen und nachts so viel Kuscheln und Stillen, wie er mag.

Irgendwann, ich glaube etwa mit 9 Monaten, dachte das Fröschlein einfach nicht mehr daran, beim Stillen einzuschlafen. Ab diesem Zeitpunkt schlief er meiestens auf meinem Arm, gelegentlich aber auch im Bett ein. Als sein erster Geburtstag sich näherte, ging ich ziemlich auf dem Zahnfleisch, weil mich das ständige Stillen nachts schlauchte. Mit Hilfe des Gatten starteten wir den Versuch, die Stillabstände zu verlängern. Ziel war es, nur noch zweimal pro Nacht zu stillen, zwischendurch war ich außer Sichtweite und der Gatte kümmerte sich um das Fröschlein, wenn er sich meldete. Das klappte ein wenig, war aber sehr anstrengend. Und als der Gatte wieder beruflich mehr eingespannt war und seinen Nachtschlaf dringend brauchte, versuchte ich noch einige Nächte lang, es alleine durchzuziehen. Ohne Erfolg: das Fröschlein schrie wie am Spieß, ausdauernd und über Stunden. Meine Nerven bestanden aus seidenen Fäden und nach zwei Wochen gab ich auf. Immerhin hatten wir erreicht, dass das Fröschlein nun mindestens zwei Stunden ohne Stillen auskam.

Dann stillte ich ab, und in der Anfangszeit machte ich genauso häufig Fläschchen, wie vorher gestillt wurde. Aber irgendwann wurden die Schlafphasen ein wenig länger. Und schließlich pendelte es sich bei drei Fläschchen in der Nacht zu festen Zeiten ein. Toll fanden wir das nicht, denn weder der Gatte noch ich sind nachts im Halbschlaf feinmotorisch besonders gewieft und Fläschen anrühren bekommen wir beide leider nicht mit geschlossenen Augen hin (Kuhmilch akzeptiert das Fröschlein häufig nicht). Aber wir sahen keinen Sinn darin, nochmal „mit Gewalt“ etwas daran zu ändern. Dann kam die schlimme Fieberphase vom Fröschlein. Da er die Nahrungsaufnahme komplett einstellte und tagsüber viel zu wenig trank, flößten wir ihm nachts so viel verdünnte Milch ein wie möglich. Teilweise stündlich. Ich machte mir schon Sorgen, wie das nach seiner Krankheit weiter gehen würde. Vollkommen zu unrecht. Kaum war er wieder gesund, meldete er sich in der ersten Nacht pünktlich zu den gewohnten Fläschchenzeiten. Und in der nächsten Nacht schlief er durch. Ab 3 Uhr stand ich stündlich an seinem Bett um nachzusehen, ob es ihm gut geht, weil die Situation so ungewohnt war.

Das ist nun zwei Wochen her. Er schläft nicht jede Nacht durch, aber selten ist er mehr als einmal wach. Und auch dann reicht ihm häufig eine kleine Kuscheleinheit zum Weiterschlafen. Gelegentlich hat er aber auch richtig Hunger. Das zeigt er dann deutlich mit Babyzeichen und Gebrüll und dann bekommt er auch eine Milchflasche. Übrigens schläft das Fröschlein nach wie vor an manchen Abenden nur auf dem Arm ein. An anderen alleine im Bett. Gestern sogar erstmals alleine im Zimmer. Ich kann aber nicht feststellen, dass das irgendeinen Einfluss auf den Verlauf der Nacht hat. Wenn er alleine eingeschlafen ist wird er sogar eher nochmal weinend wach, als wenn er in den Schlaf gekuschelt wurde. Diese neue Situation kam ganz von alleine, ohne unser Zutun. Er war einfach so weit.

Und deshalb vertraue ich auch darauf, dass sich die noch offenen „Probleme“ von alleine lösen. Das Essen am Tag zum Beispiel. Langsam vergrößern sich die Portionen, die das Fröschlein tagsüber isst (vermutlich daher auch der bessere Nachtschlaf). Aber ohne nachmittägliche Milchflasche kommen wir noch nicht aus, auch wenn uns gesagt wurde, dass er jetzt zu alt dafür ist. Und dass er sich schon holen würde, was er braucht, wenn man mal ein oder zwei Tage konsequent ist. (So ein Scheißsatz übrigens!) Das Fröschlein interessiert sich nicht für Konsequenz. Als ich im Krankenhaus war, hat er lieber eine Woche Diät gemacht und Wasser getrunken, anstatt die damals noch so verhasste Milchflasche zu akzeptieren. Nicht falsch verstehen, ich finde Konsequenz wichtig – zum Beispiel wenn es um Kneifen und an den Haaren ziehen geht, oder um das Verbot, Essen umher zu werfen. Da kann ich sehr konsequent sein, und dann bekommt das Fröschlein auch schonmal Ärger oder das Essen wird weggepackt. Das sind Dinge, die mir wichtig sind und deren Einhaltung dem Fröschlein auch nicht weh tut. Aber richtig fieser Hunger, der tut weh, und da er für mich offensichtlich noch nicht in der Lage ist, den ohne Milch zu stillen, bekommt er, was er braucht.

Natürlich ist unser Weg nicht der einzig richtige. Ich kenne viele Eltern, die vom Schlafenlernen-Buch total überzeugt sind. Das möchte ich niemanden madig machen. Aber für uns war es nicht die richtige Lösung. Und entgegen aller Unkenrufe hat das Fröschlein trotzdem das Durchschlafen für sich entdeckt. Und weil mir das Vertrauen auf mein Bauchgefühl damals gar nicht so leicht gefallen ist, es hier im Netz aber viele Mamas gab, die mir Mut gemacht haben und von ihren eigenen Erfahrungen berichtet haben, wollte ich das mal aufgeschrieben haben.

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