Schlaf, Kindlein, schlaf!

Bevor ich Kinder hatte, war für mich eines klar: niemals würde ein Baby bei mir im Bett schlafen dürfen! Viel zu gefährlich. Ich hatte Angst, ich könnte mich drauf rollen oder es versehentlich mit der Decke zudecken und ersticken. Abgesehen davon war ich überzeugt, dass man mit Kind im Bett sowieso keinen Schlaf findet.

Dann wurde das Fröschlein geboren. Und im Krankenhaus teilte eine Frau mit mir das Zimmer, die schon das zweite Kind bekam. Ganz selbstverständlich kuschelte sie sich nach dem Stillen mit dem Baby zusammen und schlief ein. Das fand ich unverantwortlich. Als die Nachtschwester kam, erwartete ich, dass sie „eingreift“, aber sie lächelte nur und zupfte ein wenig die Zudecke zurecht. Ich war innerlich empört über so viel Unvernunft! (Anmerkung: die beschriebene Situation finde ich auch heute noch gefährlich und würde sie nicht zur Nachahmung empfehlen, denn Krankenhausbetten sind nicht sehr breit, aber dafür hoch, und das Risiko, dass das Baby hinaus fällt ist meiner Meinung nach zu groß.) Zuhause stellte sich dann sehr schnell heraus, dass das Fröschlein nur mit Körperkontakt schlafen konnte. Anfangs versuchten wir verbissen, ihn zum Schlafen im Beistellbett zu bringen, aber ohne Erfolg. Irgendwann waren wir einfach nur noch übermüdet und legten und legten uns mit ihm gemeinsam hin. Anfangs schlief er ausschließlich auf meinem oder des Gatten Bauch, später genügte es ihm dann auch, direkt neben mit zu liegen. Herausfallgefahr bestand dank Beistellbett nicht, aber meine Ängste bezüglich Zerquetschen oder Ersticken bestanden weiterhin. Zu meiner Überraschung merkte ich aber, dass ich auch im Schlaf immer auf das Baby achtete, mich nie in seine Richtung bewegte und obwohl sonst eher unruhig, auf einmal ganz ruhig in einer Position verharren konnte. Und am meisten überraschte mich, dass ich trotzdem gut schlief! Stillberaterin und Hebamme bestärkten mich und so wurde aus der Notlösung eine akzeptierte Normalsituation. Später bekam das Fröschlein sein eigenes Bett (und noch später sein eigenes Zimmer), darf aber bis heute bei uns schlafen, wenn es nötig ist.

Ich wurde wieder schwanger und dieses Mal stand für mich fest, dass das Baby dort schlafen wird, wo es sich am wohlsten fühlt. Hauptsache alle Beteiligten bekämen ausreichend Schlaf. Der Geburtstermin rückte näher, und ich stolperte über einen Artikel bei Spiegel Online: Plötzlicher Kindstod: Das Risiko im Elternbett. Dort wurde die Carpenter-Studie vorgestellt und teilweise mit drastischen Worten geschildert, wie sehr das Risiko für plötzlichen Kindstod (SIDS) durch das Familienbett steigt, selbst wenn alle sonstigen Risikofaktoren (Rauchen, Drogen, Ungestillt) nicht vorhanden sind:

Die Mutter nimmt es zu sich, stillt, beide schlafen ein. Das passiert, weil die Übermüdung groß ist, weil die körperliche Nähe das Kind beruhigt, weil es einfach schön ist. Und es passiert, obwohl mittlerweile viele Eltern wissen, dass ihr Kind ein größeres Risiko für den plötzlichen Kindstod hat, wenn es mit ihnen in einem Bett schläft.

Ähm, ja? Ich wusste, dass die Empfehlungen meist ein eigenes Bett beinhalten, dass aber ohne weitere Risikofaktoren das Familienbett trotzdem sehr riskant ist, war mir nicht bewusst. Die im Artikel vorgestellte Studie hatte ich nicht im Original gelesen, aber die Schilderung und die Vorgehensweise klang erstmal seriös, und ich war reichlich verunsichert. Schließlich hörte ich aber dennoch auf mein Bauchgefühl, und das Partybaby durfte schon im Krankenhaus bei mir schlafen, wenn nötig (dieses Mal ein anderes Krankenhaus als beim Fröschlein, mit Babybalkonen, so dass Rausfallen zum Glück kein Thema war). Aber ein leichtes Bauchgrimmen blieb.

Und dann stieß ich gestern auf die wunderbare Ode an das Beistellbettchen von Hebamme Anja. Die ganzen Vorzüge des Beistellbettchens, die sie schildert, kann ich nur bestätigen. Und das Partybaby nutzt es tatsächlich sogar zum Schlafen, während beim Fröschlein auch die Hauptfunktion die Ablagemöglichkeit und der Rausfallschutz waren. Außerdem nutzen wir es mit Rollen und abnehmbarem Gitter auch im Rest der Wohnung als Stubenwagenersatz. Aber besonders interessant sind natürlich ihre Hinweise zum Familienbett und der Link zur Antwort auf die Carpenter-Studie von Dr. Renz-Polster und Dr. De Bock. Das Dokument habe ich gründlich gelesen und nun mir auch endlich die Originalstudie grob angeschaut. Die Kritik von Renz-Polster scheint mir angebracht und fundiert, unter anderem wird darauf verwiesen, dass die zugrundeliegenden Datensätze allesamt mindestens 15 Jahre alt sind und neuere Entwicklungen und vor allem auch neue Erkenntnisse der SIDS-Forschung nicht berücksichtigt werden. Letztlich lässt sie die komplette Studie in einem ganz anderen Licht erscheinen. Bei der Lektüre wurde mir wieder einmal klar, dass es bei wichtigen Fragen einfach unerlässlich ist, selbst zu recherchieren, selbst seriöse Zeitungsartikel schildern häufig nur eine Sichtweise. Ehrlich gesagt habe ich mich auch ein wenig geärgert, wie schnell manche Medien auf einen Hype aufspringen. Für mich habe ich jetzt entschieden, dass unser Weg für uns der richtige ist, Risiken können natürlich nie ganz ausgeschlossen werden.

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