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Rabenmutter?

Seit gut 2 Monaten lebe ich nun mit zwei Kindern zusammen. Der Start war bilderbuchmäßig: ein Baby, das ausgeglichen und pflegeleicht ist, ein Zweijähriger, der gar nicht genug davon bekommen kann, seinen Bruder zu streicheln und zu küssen. Sogar die Nächte waren deutlich besser, als ich befürchtet hatte. Wir machten erste Ausflüge, unternahmen Dinge, die ich mir beim ersten Baby in dem Alter nichtmal ansatzweise hätte vorstellen können. Man hat ja mittlerweile Routine und ist ganz lässig und entspannt, nicht wahr? Und dann wurde das Baby 6 Wochen alt und begann zu weinen. Nein, kreischen beschreibt es besser. Mehrfach täglich steigerte er sich für 30 bis 60 Minuten regelrecht in Hysterie, und ließ sich durch nichts beruhigen – kein Tragen, Singen oder Stillen half. Zeitgleich begann beim Fröschlein seine bislang intensivste „Nein“-Phase. Egal was wir machen wollten, er lehnte alles vehement ab. Zähne putzen, Wickeln, Schuhe anziehen, gemeinsames Essen – alles wurde zu einem Drama. Der Gatte und ich kamen an unsere Grenzen, wir waren teilweise rat- und hilflos. Wir hatten ein Baby, das wir nicht beruhigen konnten und einen Zweijährigen, den wir nicht erreichten. Beide schrien teilweise um die Wette und schaukelten sich noch gegenseitig hoch. Bei mir lagen die Nerven blank und ich merkte, wie ich Fehler über Fehler machte und mir einige Situationen aus den Händen glitten – ich wurde laut und ungerecht, und das machte natürlich nichts besser. Zwischendurch ertappte ich mich bei dem schuldbewusst bei dem Gedanken, dass es sich kinderlos eigentlich auch gar nicht so schlecht gelebt hat. Noch nie habe ich mich als Mutter so sehr in Frage gestellt, wie in diesen Tagen. Im Nachhinein zweifelte ich sogar die Entscheidung für ein zweites Kind an, fand es unverantwortlich den Kindern gegenüber, wenn ich doch schon mit einem überfordert bin.

Und dann war der ganze Spuk nach zehn Tagen urplötzlich vorbei. Das Baby gluckste wieder vergnügt und das Fröschlein hatte auf einmal wieder kooperative, gutgelaunte Momente. Natürlich testet er trotzdem weiterhin den ganzen Tag Grenzen aus, aber in einem Maße, mit dem ich die meiste Zeit gut umgehen kann. Aber die Erinnerung an das Gefühl des Versagens ist noch sehr präsent, und ein wenig graut mir vor der nächsten schlimmen Phase.

Und dann postete gestern jemand den Link zum Artikel von Steve Wiens in meine Twitter-Timeline, der davon handelt, dass negative Gedanken einen nicht automatisch zu schlechten Eltern machen. Dass es normal ist, wenn man manchmal lieber woanders wäre oder die Minuten zählt, bis die Kinder endlich schlafen. Beim Lesen dachte ich die ganze Zeit nur „Ja, ja, ja, endlich gibt jemand mal solche Gedanken zu“. Denn Familienleben ist nicht immer rosa Zuckerwatte, es gibt Tage, an denen man sich nichts mehr wünscht, als eine Pause. Und ich stimme Wiens zu, wenn er sagt, dass einen das nicht zu schlechten Eltern macht, genauso wie Fehler erlaubt sind.

Für mich stellte sich dann aber die Frage, wann man als Elternteil schlecht ist. Natürlich gibt es die ganz offensichtlichen Fehlleistungen wie Misshandlung oder Vernachlässigung. Aber ich denke, es reicht auch schon weniger, um ein Kind einen Schaden davon tragen zu lassen. In irgendeiner Blogdiskussion (wann und wo habe ich leider vergessen) ging es auch mal um das Thema „gute Eltern“ und der Tenor war, dass das wichtigste sei, dass man sein Kind liebt. Meiner Meinung nach ist es nicht ganz so einfach, denn ich bin davon überzeugt, dass die meisten Eltern ihre Kinder lieben, auch die, die richtig Bockmist bauen. Und ich komme bei all meinen Überlegungen zu dem Ergebnis, dass es wohl keine allgemeingültige Definition für gute Eltern gibt. Bin ich eine gute Mutter? Ich weiß es nicht. Perfekt bin ich mit Sicherheit nicht, aber das ist vollkommen in Ordnung. Perfektion ist in meinen Augen kein besonders erstrebenswertes Ziel und würde keinem guttun, auch nicht den Kindern. Wie sollten sie sonst je lernen, dass Fehler zum Leben gehören und dass es darauf ankommt, wie man damit umgeht? Und deshalb finde ich es wichtig, dass auch mal beim netten Mutterplausch darüber geredet wird, wie man seine eigenen Erziehungsideale „verraten“ hat. Vielleicht hört man dann auf, sich an überzogenen Idealvorstellungen zu orientieren und erkennt, dass man sich gar nicht so schlecht schlägt.

(Wiens-Artikel via @Liamie)

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